sie standen da, nur da. warteten sie? ja. auf was?
wussten sie nicht. sie atmete ja noch, hing in seinen armen, aber atmete noch.
er war sich sicher gewesen, so sicher. aber als der wind durch die blätter rauschte, ein staubkorn in seine augen trieb, was war es dann noch wert?
- kennst du diese momente, in denen du alles in frage stellst? nicht weißt, wer oder was du bist, wer die anderen sind, aber dich trotzdem so sehr spürst, so sehr da bist?
ihr blick war undefinierbar. im irgendwo, aber nicht da, wo er sein sollte.
sie standen um ihn herum und warteten. wahrscheinlich wussten sie schon, dass es zu spät war, um zu handeln.
eine hand, auf seiner schulter. sie, in seinen armen. boden, erde, dreckiger boden an seinen knien.
- diese momente, wo die erkenntnis des nichts einfach so auf dich einschlägt...?
er dachte an venedig im november, nebel, die sonne kam nicht ganz durch, sie stand da in ihrem weißen mantel, schwarzer hut, ein lächeln auf den lippen, vor rosa und violetten nebelschwaden, der rauch ihrer zigarette verschwand darin.
aber er konnte nicht. nie. etwas hielt ihn zurück.
sie wandte sich ab, ging weiter, schaute zurück, da stand er, mit dem fotoapperat, sie lächelte, ging weiter, -lass die erinnerung nicht verblassen, ist doch alles verschwommen...
und jetzt war es zu spät- zu spät? wollte er nicht genau das? die gewissheit, versagt zu haben?
-manche menschen sehnen sich nach einem gefühl des schmerz, süßer schmerz,
doch auch venedig, sein unvermögen brachten ihm dieses gefühl.
es war ihm egal, dass sie dafür litt. war es. nicht.
jetzt lagen das blau und violett auf ihren lippen und sie in seinen armen.
warum taten sie nichts? warum standen sie nur da?
eiskalt und triefend nass, hing sie in seinen armen, er hatte nichts gesehen, nur gehört, da war es schon zu spät.
-verdammte hure, warum tust du mir das an?
wollte er ihr an den kopf werfen. dachter er sich. er konnte nicht. nichts, außer da zu kauern, mit einem halbtoten körper in seinen armen, die anderen um ihn herum.
nie fühlte er sich so zerissen in seinem leben, so glücklich darüber, dass sie nun endlich weg sei, fast, so todtraurig und verzweifelt darüber, dass sie nun wirklich weg sei, fast.
wie lange kommt ein mensch ohne luft aus? er wusst es nicht... sie war einfach gesprungen, er hatte sich für einen moment oder zwei umgedreht, nein, das war falsch, so wollte er es haben, er war gegangen- da war sie schon weg, gesprungen, einfach so. dann hatte man ihn den nassen körper mit leerem blick in die arme gelegt.
hatten die anderen nicht auch was gesagt...? fuck, sie war schon tot... deswegen, der blick... der keiner war... bloß augen, die in einem schädel klebten.
das staubkorn, das endlich die tränen auslöste, die er ihr seit jahren schuldig war. weil es kein ende nehmen würde. nie, nicht so. so sollte es nicht enden.
- weißt du noch, als du ein kleines kind warst und was "schlimmes" getan hast? es war verboten, oder schlecht, warum auch immer, aber du hast es getan. die vase runtergeschubst, einfach weil du konntest. erinnerst du dich noch an dieses gefühl, dass du danach hattest? dieses schuldbewusstsein, obwohl es dir spaß gemacht hat? ein mädel gefickt, einfach weil du es kannst. und deine mama hat dir eine predigt gehalten, und du hast dich schlecht gefühlt, ohja, so schlecht, aber trotzdem warst du stolz darauf. und sie ist in tränen ausgebrochen, hat sich selbst umarmt, selbst festgehalten, weil du es nicht getan hast, aber du warst stolz, weil du es getan hast, einfach, weil du konntest.
kein atemzug mehr, nicht nach 60 sekunden, weder nach 120 noch nach 180 oder 5 minuten oder zehn..., doch der blick war der selbe. die hand auf seiner schulter- weg.
die frau in seinen armen- die selbe. das gefühl- noch immer da.
es rauschte an ihm vorbei, alles, die letzten zehn jahre, sie, die anderen, vendedig,
es war aber völlig still. die nähe, die er leugnen wollte, die distanz, die sie empfand. wie hieß sie bloß, wenn das nicht zum heulen komisch war. es ist schon besser, es geht schon. keine chance hätte die traurige wahrheit zu diesem zeitpunkt, aber das würde sich ändern. wie zwei magneten, die sich abstoßen und anziehen.
eingelassen. so ein arsch, dachte sie. tom waits? venedig, ende november- aber die realität war unerwartet. theater. erinnerung an nähe. billige kamera. der versuchung nachgeben? vermissen. sie spielten das spiel mit einem gewissen risiko. hatte er vielleicht ähnliche ängste wie sie? er ahnte. wollte es nicht wahrhaben. hätte er es längst beenden sollen? zweifel. leidenschaft. gefühl. er hätte ihr ganz und gar ausweichen sollen, aber dazu war er nicht in stande. fremd. faszinierend und auch beängstigend. der duft von haut. liebe. aber nicht so einfach. brüste. auf die couch. die bücher fegte er ebenso beiseite wie die letzten vorbehalte. luft. sex. sexuelle beziehung. abhängig? doch wenn sie wiederkam , umarmte er sie, als wollte er sie nie wieder loslassen. wieder treffen. instinkt. dreiecksgeschichte. zurückgekommen. ja. trotz allem, vielleicht sogar ihr zum trotz. so nüchtern ernüchternd. es grübelte in ihm, unter der oberfläche, an der er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. eifersucht. schön. probleme. lösungen. eine spur verrückt. kino. buchhandlung. der widerschein des geschehens. fluktuieren von licht und schatten. fragwürdige besitzansprüche. eine geschichte mit offenem ausgang. so dachte er zumindest. ein bisschen absurd. glaubst du, zu enttäuschen? tränen. hör bitte auf. salzburg. klar war, dass es so nicht weiter gehen konnte. aber wie es sonst weiter gehen sollte, war unklar. ist die zukunft schon wieder vergangenheit?
du wolltest doch sterne aus dem dunkel. was machen wir mit uns?
alles, all das und noch mehr, zog an ihm vorbei.
sie war nicht mehr, nicht mehr da,
ja, was sollte er mit sich machen?
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