Beethoven starrte ihn mit einer grimmigen Miene an, sein Haar stand ihm wirr vom Kopf ab. Obwohl sein Blick verriet, dass seine Gedanken in völlig anderen, von genialen Melodien und wunderschönen Harmonien durchflochtenen Sphären schwebten, fühlte er sich von ihm durchbohrt- als würden die Augen Beethovens von der Hülle der Schallplatte direkt auf den Grund seiner Seele schauen. Jona hielt das Cover in seinen Händen, hielt es nicht fest, so als wäre es aus Federn gemacht. Aus Federn eines schwarzen Schwanes. Er betrachtete Beethoven noch einen Moment, dann nahm er bedacht die Platte aus der Hülle. Legte die Hülle auf sein Bett. Als er zum Schallplattenspieler schritt, knarzte der dunkle Holzboden unter dem Teppich. Er genoss den Moment, kurz bevor er die Nadel aufsetzte. Diese Vorfreude…!
Er wartete noch einen Moment, nur noch einen Moment, er hatte die Augen geschlossen, er hörte das Kratzen der Nadel und als die ersten Takte der Mondscheinsonate erklangen, atmete er tief ein und aus. So lange- so lange nicht gehört. Das letzte Mal war Wintersonnenwende gewesen. Jetzt befanden sich Örebröd und seine Einwohner, der Fjord in dem die kleine Stadt lag und die Wälder, die sie umgaben und die sich sanft an die Hügel schmiegten, in einer diffusen Dämmerung. Jona liebte die Dämmerung, wenn es langsam wieder hell wurde, wenn das erste Glitzern am Horizont die Melancholie ein kleinwenig verblassen lies und sonnenvergilbte Erinnerungen an den Sommer wieder lebendig wurden. Er dachte an einen Tag im Sommer, als sie in ihren weißen Hemden durch die Wiesen, weit hinter der Stadt, gegangen waren und die Elche gesucht hatten. Dachte an Abende am Feuer, an Gitarren, Blumen im Haar, nasse Kleider, kirschrote Lippen und himbeerfarbene Sonnenuntergänge. Bevor er sich ganz in der Vergangenheit verloren hatte, öffnete er die Augen und einen Moment lang drehte sich alles, das Bild verschwamm, die Dämmerung brach in sein Herz, er fühlte einen süßen Schmerz in seiner Brust, die Melodie umschlang ihn- doch schon im nächsten Moment war es vorbei, er hatte seine Gegenwart wieder. Die Zimmertür hinter ihm öffnete sich und schon bevor er sich umgedreht hatte, wusste er, wer eingetreten war. „Ilona, mein Mädchen, tanz mit mir!“ Er hörte die sanften Schritte seiner Schwester, hörte, wie sie näher kam, spürte ihre dünnen Arme, die sich um seine Mitte schlangen und fühlte wie sich ihr Kopf an seinen Rücken schmiegte. „Kannst du das Holz hacken? In der Nacht wird es noch immer kalt.“ Wie gerne lauschte er ihrer dunklen Stimme, es war egal, was sie sagte, solange sie nur immer in ihrer Eigenart sprach. Er legte seine Hände auf ihre, löste sich aus der Umarmung und drehte sich zu ihr um. Da standen sie nun, Hand in Hand und versanken in den Augen des anderen. „Nur einen Moment“, flüsterte er, legte eine Hand an ihre Hüfte und zog sie näher zu sich. Als er ihre kleinen Brüste spürte, nahm er sie zum ersten Mal bewusst als Frau wahr; Ilona war nicht mehr das kleine Mädchen, mit dem er so lange in einem Bett geschlafen hatte, dessen Köper er gekannt hatte- die Unschuld war der Scham gewichen wie der Schnee den ersten Sonnenstrahlen. Mit ihrem Blick bedeutete sie ihm ihr Einverständnis und ein leichtes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Nun zog er sie ganz zu sich heran und das Geschwisterpaar begann sich langsam im Takt der Musik zu wiegen. Ilona legte ihren Kopf an die Halsbeuge ihres Bruders und gleichzeitig schlangen sie ihre Arme um den Körper des anderen, hielten sich aneinander fest, als wollten sie ewig so in der Dämmerung tanzen. „Weißt du noch, das Luciafest?“ Sie löste sich von ihm, wich ein paar Schritte zurück; „Ja, mein Sternjunge“ „Ilona…“ Er ging zu seinem Bett und holte darunter eine alte Schuhschachtel hervor. Während Jona das Hasch aus der Schuhschachtel nahm und in eine alte Pfeife stopfte, schritt Ilona langsam im Zimmer auf und ab. Sie spürte die einstige Vertrautheit, die seit ihrer Kindheit zwischen ihnen geherrscht hatte, allmählich schwinden. „Du wirst immer mein Sternprinz sein…!“ Sie war stehen geblieben. Jona zündete die Pfeife an und nahm einen tiefen Zug. Blies den Rauch wieder aus. Ilona beobachtete ihn dabei ganz genau und das machte ihn seltsam nervös. Wie sie dastand, vor ihm, und ihr Blick an ihm auf und ab wanderte. Er fand das befremdlich und doch fühlte er sich seiner Schwester so nah. „Weißt du noch, der Schwan letzten Sommer… der schwarze Schwan auf dem See. Du bist mein schwarzer Schwan.“ Ilona musste lächeln. Sie ging zu ihm, nahm ihm die Pfeife aus der Hand und setzte sich auf sein Bett. Das Lächeln verschwand und ihr Blick verlor sich irgendwo zwischen Sehnsucht und Erinnerung an ihre Kindheit. „Unsere Zeit ist vorbei, und dass weißt du“, sagte sie. „Schlaf noch eine Nacht bei mir, eine letzte Nacht, bevor die Dämmerung dem Tag weicht!“ Er sah seine Schwester flehend an. „Wir sind keine Kinder mehr, Jona.“ Er hatte sich zu ihr auf das Bett gesetzt. „Geh jetzt das Holz hacken, es wird kalt.“ „Dann schlaf bei mir, wir wärmen uns mit unseren Körpern, wie früher!“ Und als er das gesagt hatte schlang er seine Arme um Ilona, drückte sie aufs Bett und schmiegte sein Gesicht an ihre Brust. Heiße Tränen rannen seine Wangen hinab. Ilona zögerte kurz, dann fuhr sie ihm mit einer Hand zärtlich durchs Haar, mit der anderen strich sie ihm sanft über den Rücken. „Wir werden immer Kinder der Dämmerung bleiben, mein Sternprinz“, flüsterte sie. Und so lagen die Geschwister da, hielten einander fest wie Ertrinkende die drohten in den reißenden Fluten des Erwachsenwerdens unterzugehen und verloren sich in dem letzten bittersüßen Moment des geteilten Weltschmerzes.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag Ilona nicht mehr in seinen Armen. Schlaftrunken sah er sich im Zimmer um. Durch die schweren Vorhänge drang schwaches Dämmerlicht. Es war schon etwas heller als gestern.
Wann hatte die Schallplatte aufgehört sich zu drehen? Er hörte Geräusche aus der Küche- da bemerkte er den Duft von Pfannkuchen, der sich in sein Zimmer geschlichen hatte. „Ilona…“ Benommen strich er die Decke beiseite, setzte sich auf und seine nackten Füße auf den Holzboden. Er war kalt. Als er sich aufgerichtet hatte, drehte sich für einen Moment alles. „Verdammt- du hattest recht…“ Jona ging zur Tür und als er seine rechte Hand auf die Schnalle gelegt hatte, hielt er noch einmal kurz inne. Was auch immer der nächste Tag für ihn bereit hielt, er war es nicht. Er betrat die Küche und sah Ilona am Herd stehen. Sie sah aus wie ein gefallener Engel: Ihr rotes Haar schlängelte sich über ihre zarten Schultern und die Dämmerung verwischte ihre Konturen. Als wäre sie eine Erinnerung, die langsam verblasst. „Guten Morgen!“, sagte sie mit ihrer wunderbar dunklen Stimme. Sie drehte sich nicht um. „Guten Morgen…“ Jona setzte sich an den Tisch und beobachtete seine Schwester weiter dabei, wie sie das Frühstück machte. „Du warst so blass gestern. Du solltest mal wieder an die frische Luft.“, sagte Ilona, während sie einen Pfannkuchen umdrehte. Jona realisierte erst eine Minute später, was seine Schwester gesagt hatte, so sehr hatte er sich auf den intensiven Klang ihrer Stimme eingelassen. Er hätte das mit dem Hasch lassen sollen.
Am Abend saßen die Geschwister im Wohnzimmer. Sie saßen einander gegenüber. Ilona hatte die Füße angezogen und die Arme um die Knie geschlungen, ihr Blick ruhte versunken auf ihrer Teetasse. Ihre Erscheinung passte so perfekt in das Wohnzimmer. Wie Mohnblumen auf eine Frühlingswiese. Jona saß auf dem alten Schaukelstuhl und hatte das Monokel auf, das er seinem Großvater vor vielen Jahren gestohlen hatte. Als er noch gelebt hatte. „Ich war heute an der frischen Luft, wie du gesagt hast“, begann Jona, „Ich war unten am Pier, da entdeckte ich einen Wanderzirkus. Ich sah, wie ein kleines Mädchen mit schwarzen Schwänen übte. Was für ein Zufall… Ich ging aber nicht näher hin. Ich ging auf den Steg hinaus, bis zu der Leiter, wo Sven letzten Sommer ertrunken ist.“ Ilonas Miene verkrampfte sich unmerklich. Er fuhr fort: „Als ich wieder zurückging, kam mir ein Harlekin entgegen. Er ritt auf einem Eisbären.“ Jona’ hatte seine Augen weit aufgerissen, als würde der Harlekin auf dem Eisbären vor ihm im Wohnzimmer stehen. Als würden seine eisblauen Augen wieder hinter der Schminke aufblitzen. Als würde er ihm abermals schelmisch grinsend eine Hand hinhalten, eine Einladung… oder die Hand, die einem Ertrinkenden zur Rettung entgegengestreckt wird? „Jona? Bist du noch da?“ Ilonas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Irritiert blinzelte er. Seine Schwester sah ihn einerseits besorgt, andererseits interessiert an. „Ja…“, Sagte er. „Nein“, dachte er,"Nein...."
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